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How To Pull A Vampire's Tooth (11.07.2012)

Heterosexual norm in Stephenie Meyer's "The Twilight Saga" and its pedagogical implications

Der internationale Erfolg der “Twilight Saga”, einer Reihe von Romanen der US-amerikanischen Autorin Stephenie Meyer und deren Verfilmungen, war Anlass, die Produktion und ihre Wirkung auf die überwiegend weibliche Zielgruppe genauer zu betrachten.

Birgit Hofstätter diskutiert die Dimension der in den Filmen dargestellten Geschlechterverhältnisse. Ausgehend von der Forschungsfrage, was Jugendliche potentiell aus der “Twilight Saga” über Geschlecht und Sexualität lernen könnten, beleuchtet sie die sozialen Beziehungen der Charaktere und die gesellschaftlichen Strukturen hinsichtlich ihrer Heteronormativität und beurteilt diese aus der Perspektive einer Pädagogik der Vielfalt. Der methodische Zugang der interdisziplinären Untersuchung erfolgte über Ansätze aus den Kultur- und Sozialwissenschaften.

Die Geschichte rund um die Liebe eines 17-jährigen Mädchens zu einem Vampirjungen vermittelt eine heterosexuelle Norm, die ein binäres und hierarchisches Geschlechterverhältnis strukturiert. Sämtliche Charaktere der Saga unterliegen dieser Norm, nicht-heterosexuelle Beziehungen erscheinen nur marginal und im Zusammenhang mit den Kontrahentinnen und Kontrahenten des Liebespaares. Zudem werden sowohl die Geschlechterbinarität als auch Heterosexualität biologisiert. Des Weiteren zeigen die Ergebnisse, dass in der Saga Männlichkeit auf eine biologistische Weise mit Gewalt verknüpft wird und in der Darstellung der Protagonistin eine freiwillige Unterordnung von Frauen gegenüber Männern propagiert wird. Besonders problematisch erweisen sich diese Ergebnisse in Anbetracht des großen Erfolgs der Produktion bei Jugendlichen, denn es muss davon ausgegangen werden, dass besonders Fans sich mit den Charakteren bis zu einem gewissen Grad identifizieren und sich dadurch an problematischen Rollenbildern orientieren.

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Kurzinterview mit Birgit Hofstätter

Die Twilight-Saga scheint alle Ingredienzen zu vereinen, die gerade junge Mädchen anspricht – erste romantische Liebe, vom schönen Prinz auserwählt werden, die Verwandlung vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan usw. Wir erklärst du dir, dass auch so viele erwachsene Frauen von der Geschichte fasziniert sind?

BH: Um Frauen aus so vielen Altersgruppen zugleich anzusprechen, muss die Geschichte viele unterschiedliche Anknüpfungspunkte für eine Identifikation bieten. Und das tut Bella, die Protagonistin: Zum einen zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie im ersten Moment kein Ideal verkörpert. Sie ist introvertiert, allgemein gebildet, aber trotzdem mit keinen besonderen Talenten ausgestattet – im Gegenteil: Es passieren ihr immer wieder Dinge, die man als peinlich bezeichnen würde. Ich glaube, dass sich eben davon viele Leserinnen und Zuschauerinnen, unabhängig vom Alter, angesprochen fühlen. Aber auch wenn es sich bei der Protagonistin um eine 17-Jährige handelt, denkt und agiert sie eigentlich wie eine Erwachsene, übernimmt Verantwortung und Rollen, die man einem Teenager außerhalb einer Romanwelt nicht zumuten würde. Das kann man sehr gut in der Beziehung zu ihren Eltern beobachten – es scheint, als wäre sie die Erwachsene, die sich um deren Wohlergehen kümmert. Überhaupt ist sie eine die sich viel – wenn nicht sogar ausschließlich – um andere sorgt. Neben der ersten Liebe werden dann auch Ehe und Elternschaft thematisiert, und damit eben auch Aspekte, mit denen sich Erwachsene identifizieren können. Allerdings frage ich mich selbst, wie die erwachsene Fangemeinde das Frauenbild beurteilt, das durch Bella dargestellt wird.

Welches Frauenbild zeichnet die Erzählung und warum siehst du das als problematisch an?

BH: Diese Weiblichkeit, die durch die Protagonistin verkörpert wird, reflektiert ein sehr traditionelles Frauenbild – oder besser: ein traditionelles Geschlechterverhältnis. Denn um so eine Weiblichkeit darzustellen, ist auch ein entsprechendes Bild von Männlichkeit notwendig. Beide männlichen Protagonisten – der Vampir Edward und sein Rivale, der Werwolf Jacob – verfügen im Gegensatz zur eher ungeschickten menschlichen Protagonistin über übermenschliche Kräfte und Fähigkeiten. Dadurch entsteht das klassische Bild vom starken Mann und der schwachen Frau. Dieses Verhältnis wird zwar durch die 'Spezies' begründet, verstärkt aber eben auch dieses traditionelle Geschlechterverhältnis, denn Bella verkörpert eine Weiblichkeit, die sich freiwillig unterordnet weil sie sich permanent in Lebensgefahr befindet. Gleichzeitig lässt sie auch Aggression und Gewalt über sich ergehen um den Geliebten nahe zu sein. Denn nicht nur die 'Bösen' in der Geschichte stellen eine Bedrohung dar, sondern auch durch die übermenschlichen Kräfte der ihr wohlgesinnten Vampire und Werwölfe ist sie stets der Gefahr ausgesetzt, unabsichtlich verletzt zu werden. Insbesondere die Hochzeitsnacht zwischen Bella und Edward ist ein Beispiel dafür. Ähnliche Verhaltensmuster sind oftmals in Fällen häuslicher Gewalt im Zusammenspiel mit einem Abhängigkeitsverhältnis zu beobachten. Doch das wird durch diese große Liebe verharmlost. Gewalt wird also romantisiert und Opferbereitschaft idealisiert. In ähnlicher Weise werden auch Stalking und Eifersucht als Zutaten einer Liebesbeziehung verarbeitet. So wird einem teilweise sehr jungen Publikum ein Bild von Liebe, Beziehung und Sexualität geboten, das ein traditionelles (und problematisches) Geschlechterverhältnis widerspiegelt.

Welche pädagogischen Empfehlungen leitest du aus deiner Studie ab?

BH: Es wäre sinnlos, eine noch höhere Altersgrenze für die Filme bzw. Bücher zu fordern, denn jede Art der Zensur macht die Geschichte für das jüngere Publikum ja noch interessanter. Da um die Twilight Saga nun schon so ein Hype entstanden ist, kann man auch offensiv damit umgehen und sie gezielt in die pädagogische Arbeit einbinden, indem man sie als Negativbeispiel anführt. Lehrende erzählen mir, dass die Twilight Saga immer wieder in Form von Buchpräsentationen oder als Aufsatzthema im Klassenzimmer auftaucht, oder dass von Schülerinnen sogar der Wunsch kommt, die Bücher als Klassenlektüre zu lesen oder gemeinsam die Filme anzuschauen. Diese Gelegenheiten könnten gut dafür genutzt werden, um das dargestellte Geschlechterverhältnis zu diskutieren, die problematischen Elemente der Geschichte herauszuarbeiten und damit auch insgesamt eine kritische Medienrezeption zu fördern, die durch den erweiterten und nicht immer umfassend kontrollierbaren Zugang zu Medien für Kinder und Jugendliche auch dringend notwendig wäre.

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