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Sicher ist, dass alles unsicher ist (30.05.2012)

80 WissenschafterInnen aus 20 Nationen diskutierten im Rahmen der 11th IAS-STS Conference on “Critical Issues in Science and Technology Studies” Forschungsergebnisse zu Themen wie Transformationsprozesse zu einer nachhaltigen Gesellschaft, Klimawandel und nachhaltige Innovationen.




„Krieg erhöht den CO2-Ausstoß", erklärte die Dekanin der IFF-Fakultät der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt Verena Winiwarter in ihrem Vortrag. Sie illustriert die Aussage anhand von Daten zum Energieverbrauch des amerikanischen Militärs: Das amerikanische Verteidigungsministerium ist für 1% des gesamten Energieverbrauchs der USA verantwortlich. Nigeria, mit einer Bevölkerung von mehr als 140 Millionen Menschen, verbraucht gerade einmal so viel Energie wie das US-Militär alleine. Der Energieverbrauch pro Kopf von Militärangehörigen ist 10 mal so hoch wie der Energieverbrauch pro Kopf in China, oder 30-mal so viel wie der von Afrika. Vegetarische Ernährung hätte einen positiven Effekt auf die Treibhausbilanz, Abrüstung und Frieden hätten aber ebenfalls sehr große Einsparungen zur Folge. „Betrachtet man die Entwicklung des Energiekonsums aus geschichtlicher Perspektive, zeigt sich aber, dass Ereignisse wie z.B. die Weltkriege keine wesentlichen Effekte auf den Energieverbrauch hatten. Sie führten aber weltweit zu mehr gesellschaftlicher Ungleichheit.“, zieht Winiwarter Resümee.

"Ein Systemwandel steht uns unmittelbar bevor“, prophezeit die Wissenschafterin. „Wir leben derzeit nicht in einem stabilen Zustand, sondern inmitten der ‚großen Beschleunigung’, einer weltgeschichtlich einmaligen Entfesselung von Energie- und Materialverbrauch. Dieser explosionsartige Transformationsprozess wird zu einem neuen, stabileren System, einer solartechnischen Zivilisation, führen. Diese wird von ihrem Aufbau und ihren wesentlichen Eigenschaften aber keine einfache Fortschreibung der jetzigen Verhältnisse sein. Wir können uns sicher sein: Eine nachhaltige Gesellschaft funktioniert grundsätzlich anders, wie genau, darauf hat niemand eine überzeugende Antwort. Wir werden aber jedenfalls mit dem Erbe der fossilenergetischen Lebensweise zu tun haben, seien es nun bröckelnde Staumauern oder Atommülllager.“


Woher der Strom kommt, macht einen Unterschied

Macht es für die Art, wie wir Strom verwenden, einen Unterschied, ob er in Solarkraftwerken in der Sahara produziert wird, oder ob er aus Kleinanlagen in den Haushalten kommt? Diese Frage stellten Harald Rohracher (IFZ) und Michael Ornetzder (ITA, Akademie der Wissenschaften) in ihrem Vortrag „Configuring sustainable systems of provision“. Die Antwort lautet ja. „Im ersten Fall geht es um eher hierarchisch organisierte Versorgungssysteme, in denen Verbrauch und das Verhalten von BewohnerInnen in Haushalten gemanagt werden muss und asymmetrische Beziehungen zwischen VerbraucherInnen in den Erzeuger- und den Nutzerländern bestehen. Im zweiten Beispiel zeigen Untersuchungen, dass NutzerInnen oft ein großes Interesse entwickeln, mit ‚ihrem‘ Strom anders umzugehen.“, erklärt Rohracher.

Strategien für eine nachhaltige Entwicklung fallen oft in stark technik-zentrierte - Beispiel Effizienzsteigerung von Produkten – und verhaltensorientierte Maßnahmen – Beispiel nachhaltiger Lebensstil – auseinander. Das Problem ist, dass diese Strategien für sich genommen oft wirkungslos bleiben. So wird die bessere Effizienz durch ‚rebound‘-Effekte aufgehoben und Lebensstilansätze erreichen meist nur ohnehin motivierte Gruppen. Wie müssen also technische Infrastrukturen und Versorgungssysteme gestaltet werden, um bessere Anreize und Handlungsspielräume für Nachhaltigkeitspraktiken zu geben? Mögliche Antworten bietet die als „Systems of Provision“ bezeichnete Perspektive, die die enge Wechselwirkung zwischen (technischen) Versorgungsstrukturen (z.B. das Elektrizitätssystem) und nachfrageseitigen Verhaltensweisen beleuchtet.


„Lichtstunden“ als Beispiel für nachhaltige Innovation

„Effizienz ist nicht alles“, betont auch Ria Müller vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. „Nachhaltige Innovationen in Form neuer Produkte, Dienstleistungskonzepte oder auch die Neuorganisation bisheriger Unternehmensprozesse können positive Effekte auf Klimawandel und Ressourcenverbrauch haben.“, so die Expertin. 

Als Beispiel nennt sie Unternehmen, die „Lichtstunden“ statt Lampen und Strom einkaufen. Sie schließen mit einem Leuchtenhersteller einen Contractingvertrag. Dieser installiert und wartet die Lampen und betreibt sie mit Öko-Strom. Da der Anbieter daran interessiert ist, soviel wie möglich zu verdienen, wird er die energiesparendsten Leuchtmittel verwenden, die am Markt sind. „In den EU-Staaten geben die Behörden zwischen 12 und 19% des BIP aus. Wenn alle Schulen, staatlichen Krankenhäuser und Verwaltungsgebäude der öffentlichen Hand Lichtstunden pro Jahr kaufen, lassen sich viele Tausend Tonnen C02 einsparen. Der Staat kann also mit seinen Ausgaben Märkte beeinflussen – auch nachhaltige Innovationen fördern, wenn er innovative Produkte einkauft.“, so Müller.  


Die oben genannten Beispiele sind ein kleiner Auszug von insgesamt ca. 50 Vorträgen im Rahmen der Konferenz, die alljährlich vom IFZ im Rahmen des Institute for Advanced Studies on Science, Technology and Society veranstaltet wird. Sie ist mittlerweile ein Fixpunkt in der Wissenschaftslandschaft rund um das Thema Science and Technology Studies.

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