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Interview Sandra Karner

Interview mit Sandra Karner zum neuen Forschungsbereich „Food Systems“

IFZ: Sandra du warst bislang wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich „Neue Biotechnologien“, jetzt bist du Forschungsbereichsleiterin für das Thema „Food Systems“, wie kam es dazu?

Sandra Karner: Wir haben das Thema nachhaltige Nahrungsmittelversorgung bislang im Forschungsbereich „Neue Biotechnologien“ bearbeitet, sind dann aber draufgekommen, dass das zum einen durchaus das Potenzial für eine eigenständige Einheit am IFZ hat, weil wir zu dem Themenbereich seit 20 Jahren Forschung machen. Zum zweiten arbeiten im Bereich Food Systems schon jahrelang Kolleg*innen anderer Forschungsbereiche (von ökologischer Produktpolitik, über Energie und Klima, bis zu Frauen* – Technik  –Umwelt) mit, die mit ihrer Food-Expertise so nie sichtbar wurden.

IFZ: Das bedeutet „Food Systems“ ist kein wirklich neuer Forschungsbereich, sondern er ist jetzt – nach 20 Jahren – sichtbar gemacht worden.

Sandra Karner: Genau! Armin Spök hat hier den Grundstein gelegt und ich habe  mit meinem Team in den letzten Jahren vor allem in internationalen Forschungsprojekten unsere IFZ-Expertise stark einbringen können.

IFZ: Stichwort „Expertise“, worum geht es denn bei „Food Systems“ genau?

Sandra Karner: Uns geht es kurz gesagt um die Erforschung von Systemen, die eine nachhaltige und sozial gerechte Nahrungsmittelversorgung ermöglichen können. Wir wissen aus früheren Forschungsprojekten, dass das traditionelle Bild der Versorgungskette zum Beispiel so in der Realität nicht stimmt.

IFZ: Sondern?

Sandra Karner: Wir schauen uns in einem aktuellen Projekt gerade die Nahrungsmittelversorgung in Graz an und diskutieren mit Landwirt*innen, Stakeholdern aus Politik und Verwaltung, sowie alternativen Food-Aktivist*innen wie man diese Situation in Graz nachhaltiger, also ökologischer und auch sozial gerechter gestalten könnte. Dabei ist klar, dass das Gesamtsystem mit einem Netzwerk an Beteiligten und Verantwortlichen verbunden ist. Und da spielen gesetzliche Rahmenbedingungen genauso eine Rolle wie auch zum Beispiel die Bodenbeschaffenheit im Großraum Graz.

IFZ: Also ein komplexes Thema ...

Sandra Karner: Ein spannendes Thema, für das wir hier am IFZ prädestiniert sind, weil wir ein interdisziplinäres Team sind und die Expertise aus unterschiedlichen Forschungsfeldern einbringen können. Es geht bei Nahrungsmittelversorgung unter anderem auch um die Themen Klimawandel und Energieeffizienz. Da haben wir Kolleg*innen, die wir bei Bedarf hinzuziehen können. Genauso wie Belange der sozialen Gerechtigkeit und Diversity, nachhaltige Nahrungsmittel dürfen keine Eliteprodukte sein, auch da helfen Kolleg*innen aus dem IFZ. Insofern ist Essen ein ideales Querschnittthema, bei dem vielfältige Expertisen zusammenkommen.

IFZ: Stichwort „vielfältige Expertisen“, du arbeitest ja oft in sogenannten transdisziplinären Projekten, neuerdings liest man auch oft von „Responsible Research and Innovation“ (RRI), also verantwortungsvolle Forschung, was ist damit denn konkret gemeint?

Sandra Karner: Ja das ist mir ein großes Anliegen. Während Interdisziplinarität bedeutet, dass Forscher*innen aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam an einer Forschungsfrage arbeiten, so wie hier am IFZ, wo wir ein Team mit unterschiedlichsten Studienabschlüssen (Biologie, Psychologie, Mathematik, Erwachsenenbildung, Umwelttechnik, Soziologie, usw.) sind, geht es bei Transdisziplinarität um das Einbeziehen von außerwissenschaftlichen Akteur*innen in die Forschung. Mir ist dabei wichtig zum Beispiel Menschen aus der Praxis und Politik schon möglichst früh einzubinden und nicht erst nachdem die Wissenschaft hinter verschlossenen Türen ihre Forschung betrieben hat und dann Menschen „von draußen“ einlädt, um ihre Ergebnisse mitzuteilen. Dieses frühe Einbinden ist nicht nur wichtig, um die betroffenen Menschen frühzeitig ins Boot zu holen, sondern auch um die für die Praxis und Politik relevanten Fragen zu stellen. Da fängt es für mich schon an – was sind denn die wirklich wichtigen Forschungsfragen? Wir wollen Forschung betreiben, die an gesellschaftlich relevanten Schnittstellen ansetzt, wir am IFZ haben den Slogan „Forschung verändert“, das ist natürlich unser ultimatives Ziel.

IFZ: Das bedeutet ihr macht nicht nur Analysen um den Ist-Zustand zu beschreiben, sondern geht einen Schritt weiter?

Sandra Karner: Genau. Wir decken mit unserer Forschung hier am IFZ – und zwar in allen Forschungsbereichen nicht nur in meinem – wenn man so will die gesamte Kette ab. Wir machen Analysen um den Ist-Zustand zu beschreiben, wir erstellen Handlungskonzepte, begleiten diese bei der Implementierung, kommunizieren sie an die Öffentlichkeit und wir können auch evaluieren, ob die Ziele erreicht wurden und wie. Insofern passt das Konzept RRI sehr gut zu uns, weil auch da verschiedene Kompetenzen an Forscher*innen von heute gestellt werden. Kurz gesagt, du brauchst fachliche Expertise, Netzwerke und Prozesskompetenz.

IFZ: Das ist aber ein hoher Anspruch an Forscher*innen alle diese Kompetenzen in sich zu vereinen ...

Sandra Karner: Da haben wir am IFZ sicherlich das Glück, weil wir eben ein interdisziplinäres Team sind, in dem Wissen und Kompetenzen durch gemeinsame Forschungsprojekte, aber auch beim Team-Teaching in der gemeinsamen Lehre weitergegeben werden. Und konkret haben wir im Forschungsbereich "Food Systems" nun schon das dritte EU-Projekt in Folge, bei dem das Thema nachhaltige Nahrungsmittelversorsogungssysteme mit einem transodiziplinären bzw. mit einem RRI-Ansatz bearbeitet wird. D.h. wir arbeiten seit Jahren mit Akteur*innen aus der Praxis, Verwaltung und Politik zusammen und haben verschiedenste Werkzeuge entwickelt, die wir zum Beispiel in Workshops einsetzen.

IFZ: Letzte Frage, jetzt gibt es schon 20 Jahre Forschung zum Thema Nahrungsmittel am IFZ, was sind eure Ziele für die nächsten 20 Jahre?

Sandra Karner: Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit ... aber ich kann es konkret für 2022 beantworten. Das ist nämlich der Zeitraum, den wir uns mit den Stakeholdern im aktuellen Forschungsprojekt gesetzt haben, um die Nahrungsmittelversorgung im Raum Graz nachhaltiger und sozial gerechter zu gestalten. In den nächsten fünf Jahren wollen wir gemeinsam an dieser Vision arbeiten.

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